Kirgisistan: Powder Mad – Woche zwei, die Geschichte geht weiter

April 29, 2026
Jem Rose

Nach einer außergewöhnlichen ersten Woche in Jyrgalan gab es eine kurze Pause vor Runde zwei. Ich blieb ein paar Tage in Karakol und wartete auf die nächste Gruppe. Dort ist das Tempo anders: mehr Leben, mehr Möglichkeiten und genug Komfort, um nach einer großen Bergwoche durchzuatmen. Kaffee, ein richtiges Bett, ein Spaziergang durch die Stadt. Doch bald kribbelt es wieder, weil man weiß, was als Nächstes kommt.

Die Truppe der zweiten Woche

Harald Myklebust
Laurent Darolt
Thierry Lewalle — Leiter der belgischen Gruppe
Patricia Wasser
Marcel Wasser
Andreas Balmer
Evelyne Balmer — Leiterin der Schweizer Gruppe
Giorgos Paraskevas
Yannis Stellakis — der Kapitän, Leiter der griechischen Gruppe
Yannis Katsouridis
Michalis Ladas
Yannis Papadopoulos
Dinos Dorkofikis

Und natürlich Antoine, der uns die ganze Woche auf höchstem Niveau führte.

Neue Truppe, dieselbe Mission

In Karakol fand die nächste Gruppe zusammen. Der Minibus hielt vor meinem Hotel, und ich lernte die meisten kennen. Ein kurzer Moment voller Bewegung: Taschen einladen, Beine vertreten, Toilettenpause – und die Griechen tankten vor der Weiterfahrt natürlich Kaffee nach. Ihr Organisator Yannis hieß bald nur noch der Kapitän. Auf Schweizer Seite hielt Evelyne im Hintergrund alles zusammen. Noch ging es nicht darum, wie jemand Ski fuhr, sondern um Energie, Haltung und Auftreten. Es passte sofort: offene, freundliche Menschen voller Vorfreude. Eine Gruppe, von der man weiß, dass sie in den Bergen zusammenwachsen wird.

Zurück nach Jyrgalan

Hinter Karakol verändert sich die Umgebung fast sofort. Die Straßen werden leerer, die Orte kleiner, Vertrautes verschwindet Stück für Stück. Durch offene Täler und verstreute Dörfer zieht uns die Fahrt zurück in die Berge. Dann steigt die Straße an, wird rauer, stiller und abgelegener. Schließlich erscheint Jyrgalan wieder: weit und ruhig, mit Gelände in jeder Richtung. Ein Ort, der nicht laut für sich werben muss.

Wieder in Jyrgalan

Im Baitor Guesthouse wurden Taschen ausgepackt, Zimmer bezogen und die Abläufe kennengelernt. Es war ein langer Tag gewesen, doch schon am ersten Abend hatte unser verlässlicher Guide Antoine alles vorbereitet. Ruhig und klar erklärte er der Gruppe den Plan, das Gelände und die Sicherheit. Lawinenausrüstung wurde kontrolliert, Airbags bei Bedarf organisiert. Danach wussten alle, was sie am ersten Tag erwartete.

Tag eins: erste Spuren

Der Morgen kam schnell. Beim Zusammenstellen der Ausrüstung mischten sich Vorfreude und Konzentration. Gerade als es losging, trafen die Belgier mit Thierry und ein französischer Rider direkt von ihrer langen Anreise ein: Flug, Transfer, Fahrt in die Berge, ohne Pause dazwischen. Müde, aber begeistert, stiegen sie sofort ein. Das nenne ich Einsatz.

Snowcat beladen, LVS-Checks erledigt, Rucksäcke auf: Im PistenBully 600 ging es schnurrend in die Berge. Seit meiner Abreise in der Vorwoche war frischer Schnee gefallen. Das merkte man sofort. Alle waren begeistert, tauschten Geschichten aus und lernten sich kennen. Die erste Abfahrt verrät immer viel. Wir starteten mit einer Testlinie, um zu sehen, wie sich die Gruppe bewegte. Das Niveau wurde schnell klar. Die Schweizer gaben mit ruhigem, flüssigem Stil den Ton an; einer bildete selbst Skilehrer aus. Die Belgier waren ebenso sicher unterwegs, und die energiegeladenen Griechen gewöhnten sich schnell an diesen Powder.

Unten nickte Antoine. Worte waren nicht nötig: Wir konnten steigern. Weiter ging es ins höhere alpine Gelände und über lange Abfahrten durch lichte Wälder im tiefen, leichten kirgisischen Powder. Mittagessen draußen am Berg: Motoren aus, Stille, heißer Tee und Lunchpakete. Nachmittags kamen weitere Abfahrten und immer neue Spuren dazu. Zurück an der Basis wussten alle: Das wird eine gute Woche.

Dann kam die Containerbar. Ein paar andere Gruppen waren schon da, und jedes Mal, wenn jemand die Tür öffnete, gab es lauten Jubel. Wir kamen herein – dasselbe Willkommen. Daraus wurde ein Ritual. Bei jedem neuen Gesicht wurde wieder gejubelt. Egal wer es war: Alle hatten es sich verdient.

Das Leben zwischen den Abfahrten

Nach und nach stellte sich der Rhythmus ein: Ski fahren, essen, Sauna, schlafen, wiederholen. Im Baitor Guesthouse ging es oft in die Holzsauna oder den heißen Badezuber draußen, morgens reserviert und nach der Rückkehr bereit. Im dampfenden Wasser sitzen, umgeben von eisiger Luft, gehörte bald dazu. Ebenso die unausgesprochene Regel: erst in den Schnee, dann wieder hinein. Die Abende waren genauso wichtig. Gastgeber in traditioneller kirgisischer Kleidung servierten kräftige lokale Gerichte. An langen Tischen wurden Geschichten geteilt, bevor in der Containerbar die Stimmung weiterstieg.

Die Gruppe wächst zusammen

Im Laufe der Woche zeigte sich, wie selbstverständlich die Gruppe zusammengefunden hatte. Gespräche im Snowcat, beim Mittagessen und abends offenbarten dieselbe Einstellung. Die Schweizer erzählten von ihren Heimatbergen und Reisen wie nach Mestia, die Belgier von den Alpen und gesuchten Freeride-Linien. Die Griechen machten uns auf wenig bekannte Skigebiete zu Hause aufmerksam. Unterschiedliche Orte und Erfahrungen, verbunden durch denselben Freeride-Geist: gutes Gelände, passende Bedingungen und mehr als einen gewöhnlichen Urlaub im Skigebiet.

Einer dieser Tage

Gegen Ende der Woche führte Antoine uns in ein steileres, anspruchsvolleres Gebiet. Zwei Teilnehmer pausierten mit müden Beinen, die meisten wollten mit. Die Linie war lang: oben offen, dann enger und steiler. Der Schnee war perfekt, cremig, schnell und stabil. Ich folgte Thierry und filmte unsere Schwünge. Unten rief er plötzlich: Ein Ski war gerade an ihm vorbeigeflogen und in einer schmalen Rinne verschwunden.

Einer der Schweizer war weiter oben gestürzt. Ihm ging es gut, aber der Ski war weg. Wir sammelten uns und versuchten, ihn auszumachen. Ohne Ski wäre sein Tag vorbei gewesen. Antoine entschied, ihn zu bergen, und stieg wieder auf, während wir unten warteten. Nach etwa 20 Minuten knackte das Funkgerät: gefunden. Er hatte sich gesichert, die Schneedecke beurteilt und war vorsichtig in die Rinne eingestiegen. Dabei löste sich ein kleiner Lockerschneerutsch, bevor er den Ski sicher bergen konnte. Ein Moment, der seine Erfahrung zeigte: ruhig, kontrolliert und sehr kompetent. Antoine führt im Sommer auf 7.000-Meter-Gipfel, und das merkte man. Später in der Containerbar war die Geschichte schon größer geworden.

Die letzten Tage und die Heimreise

Zum Ende der Woche bewegte sich die Gruppe wie eine Einheit. Das Skifahren blieb stark, doch wir nahmen alles bewusster auf, weil es bald vorbei sein würde. Die letzten Abfahrten haben immer besonderes Gewicht. Beim Abschied von Jyrgalan blieb Zeit zum Nachdenken, und die Rückfahrt nach Karakol wurde Teil des Erlebnisses. Wir hielten am Fairy Tale Canyon, dessen rote Felsformationen einen surrealen Kontrast zu den verschneiten Bergen bildeten. Außerdem erlebten wir traditionelle Adlerjagd und die enge Verbindung zwischen Jäger und Vogel, tief verwurzelt in der kirgisischen Kultur.

Der Schnee hatte geliefert, doch das Erlebnis ging weit darüber hinaus. Die Reise, die Menschen, die Orte und die Momente dazwischen zählten genauso. Am Ende war es längst keine beliebige Gruppe mehr, sondern eine gemeinsame Geschichte.

Die Gemeinschaft

Aus der Gruppe war mehr geworden. Verschiedene Länder und Hintergründe, vereint durch die Berge und denselben Freeride-Geist. Man reist als Einzelner an und fährt als Teil einer Truppe nach Hause.

Bis zum nächsten Mal

Solche Wochen gibt es nicht oft. Tiefer Schnee, lange Abfahrten, großes Gelände – vor allem aber die Menschen, mit denen man es teilt. Das bleibt hängen. Dafür kommt man zurück.

Die Gemeinschaft wächst. Die Spuren werden tiefer. Und der Powder-Wahnsinn breitet sich aus.

Wann geht es wieder los?